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Alles muss raus! Blogparade zum fortschreitenden Abbau der Kulturförderung

01. März 2010 von Hagen Kohn · 5 Kommentare · Education

Es ist eigentlich kaum zu glauben – ausgerechnet im Kulturjahr Ruhr.2010 wird wieder heftig über Kürzungen von Kultursubventionen debattiert. Ein Prozess, den wir bei VioWorld hautnah miterleben. In Wuppertal denkt man offen über Theaterschließungen nach, das Kölner Gürzenich-Orchester bekommt einen Ausgabenstopp verordnet, in Duisburg ist das Kulturzentrum HundertMeister gefährdet, auch das einzige kommunale Kino soll bald dicht machen.

Pessimistischen Schätzungen zufolge soll die Wirtschaftskrise erst 2011 voll auf die Kulturbranche durchschlagen. Grund, das Tafelsilber zu verscherbeln? Was kann getan werden, damit alle Beteiligten die einzigartige Orchester- und Theaterlandschaft im deutschsprachigen Raum endlich als Potential begreifen und nicht als finanzielle Last? Was können die Institutionen tun, was das Publikum, was möglicherweise die Wirtschaft – und sei es nur um einen Standortvorteil zu sichern?

Ich möchte mir nochmal anschauen, was der Intendant des Essener Aalto-Theaters Stefan Soltesz in seinem offenen Brief an die Kommunalpolitik schreibt.

“Der Öffentlichkeit suggerieren Sie beständig einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kulturförderung und Haushaltskrise und erwecken den Eindruck, das eine sei die Ursache des anderen.”

Das ist in der Tat empörend, wenn man bedenkt, dass NRW im Ländervergleich schon jetzt das Schlusslicht in der Kulturförderung markiert. Wo gibt es denn da noch Sparpotential?

“Selbst bei völliger Streichung der Kulturförderung wäre eine Haushaltskonsolidierung auch nicht ansatzweise erreicht. Die Staatsausgaben für Kultur in Deutschland betragen über alle öffentlichen Haushalte hinweg 0,8 Prozent der Etats.”

Aus meiner Sicht ist es höchste Zeit, einen bundesweit verbindlichen Mindestprozentsatz für die Kulturförderung festzulegen. Die Kulturhoheit der Länder hat sich hier leider nicht bewährt, zumal in Zeiten klammer kommunaler Kassen.

“Gerade im Jahr der Kulturhauptstadt RUHR.2010 kann es mir und meinen Mitarbeitern nicht gleichgültig sein, unterschwellig als Verschwender der raren öffentlichen Gelder gebrandmarkt zu werden.”

Offenbar haben die meisten Kulturdezernenten noch nie ein Theater von innen gesehen. Sonst wüssten sie, dass dort nicht Verschwendung herrscht, sondern das Gegenteil der Fall ist: Motivierte Mitarbeiter, die sich hochgradig mit ihrer Arbeit identifizieren und für ein kleines Gehalt viel und flexibel arbeiten. Hier wird deutlich, dass die Institutionen noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten haben. Vor allem die Freundeskreise können im Sinne eines Lobby-Boards einflussreiche Kulturfreunde umwerben und für ihre Sache einspannen.

Recht erfolgreich sind auf diesem Gebiet Kuratorium und Förderkreis des Berliner Konzerthauses, deren (Zusammen-)Arbeit ich mir im nächsten Beitrag näher ansehen möchte. Eventuell liegt in diesem Bereich auch Potential für Social Media Aktivitäten – aber das ist ja schon wieder ein Thema für sich.

Ich freue mich auf eure Beiträge!

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5 Kommentare bis jetzt↓

  • Kein Publikum, keine Förderung, ja und? « Das Kulturmanagement Blog

    [...] einen Kommentar » Hagen Kohn hat vor ein paar Tagen zu einer Blogparade aufgerufen, die den fortschreitenden Abbau der Kulturförderung thematisieren möchte. Um die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Griff zu bekommen, haben die [...]

  • Hagen Kohn

    Nachtrag:
    Die Blogparade läuft bis zum 1. April

  • Susanne

    Selber recherchiert und geschrieben habe ich noch nicht darüber, aber immerhin schon mal den Bericht von Deutschlandfunk getwittert:

    http://twitter.com/agentsculder/status/10167659964

  • Hagen Kohn

    Danke fürs Verlinken. Wenn Sie kein eigenes Blog betreiben, können Sie gerne einen Gastbeitrag bei Vioworld veröffentlichen.

  • Axel Kopp

    Also ich kann aus Stuttgart berichten, dass die Kürzung des Kulturetats im Doppelhaushalt 2010/2011 um 5,8 Millionen Euro mittlerweile von den Kultureinrichtungen so hingenommen wurde. Die Strategie von Kulturbürgermeisterin Eisenmann “Alle, außer die chronisch unterfinanzierten Theater, bekommen fünf Prozent weniger” scheint damit aufgegangen sein. Es gab eine Demo, ein paar Aufschreie im Internet und gut war’s.
    Natürlich stellt sich die Frage, was man machen soll, man sitzt ja am kürzeren Hebel – aber nichts machen ist sicherlich der Falscheste weg! Vielleicht geht’s den Kultureinrichtungen in Stuttgart einfach noch zu gut…

    Eine Anmerkung noch zur niedrigen Kulturförderung des Landes NRW. Das lässt sich durch den hohen Kommunalisierungsgrad in NRW erklären. Sprich, die Städte geben in NRW mehr aus (über 80 Prozent), das Land dafür weniger. Addiert man die Kulturausgaben der Städte und des Landes, liegt NRW mit rund 75 € pro Einwohner beim Ländervergleich im Mittelfeld. So eine Klugscheißerei lernt man übrigens im Seminar “Kulturpolitik” ;-)

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