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Strategien gegen das Lampenfieber

18. Mai 2009 von Johannes Baumann · 5 Kommentare · Beruf und Weiterbildung

markan666/ Pixelio

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Nicht nur Schauspieler und Musiker kennen dieses flaue Gefühl im Bauch, begleitet von Herzklopfen und Schweißausbrüchen. Lampenfieber ist ein Phänomen, das auch Pressesprecher, Lehrer, ja sogar der Auftritts-Coach selber kennen – kurz, alle Menschen, die sich vor Anderen präsentieren müssen. VioWorld befragte zu diesem Thema den Psychotherapeuten und Musiker-Coach Dr. Michael Bohne.

Herr Dr. Bohne, woher stammt eigentlich der Begriff „Lampenfieber”?

Da es seit ewigen Zeiten bekannt ist, dass Schauspieler und andere Menschen, die eine Bühne betreten im Scheinwerferlicht ihren Körper seltsam aktiviert erleben (Herzklopfen, schwitzige Hände, Zittern, trockener Mund, alles Symptome, die man auch bei Fieber haben kann), hat sich der Begriff Lampenfieber eingebürgert. Landläufig wird leider nicht zwischen positivem Lampenfieber (welches leistungssteigernd ist) und dysfunktionalem Lampenfieber, oder besser Auftrittsangst (die leistungshemmend ist) unterschieden. Positives Lampenfieber ist gut und sollte man natürlich nicht verändern. Die meisten Profimusiker sind jedoch immer wieder auch mit dysfunktionalem Auftrittsstress konfrontiert. Das ist also ganz normal, wird leider jedoch immer noch tabuisiert.

Gibt es Menschen, die kein Lampenfieber kennen?

Es gibt Menschen, die so sehr auf die Sache, um die es geht fokussiert sind, dass sie vor lauter Begeisterung für ihre Sache keine Zeit und keine Gehirnkapazitäten frei haben, um Stress zu entwickeln. Auch sind Menschen, die ein hohes Selbstwertgefühl haben, tendenziell geschützter vor störendem Auftrittsstress.

Wie kann man Lampenfieber positiv nutzen?

Wie gesagt, positives Lampenfieber ist hilfreich, da es das Gehirn und den Körper positiv aktiviert. Es macht auch Sinn, sich das klar zu machen. Alle Umdeutungsversuche von störender Auftrittsangst halte ich für fragwürdig, da die Gefahr einer Angstvermeidung besteht, die die Ängste nur wieder konservieren würde. Musikalische Intonations- oder Rhythmusschwäche sollte man ja auch nicht umdeuten, sondern aktiv mit geeigneten Techniken oder Lehrern dran arbeiten, dass man in diesen Bereichen sicherer wird.

Was interessiert Sie besonders an musikerspezifischem Lampenfieber?

Mir macht es Freude, Menschen darin zu unterstützen, zu ihren persönlichen Höchstleistungen zu kommen, bzw. ihnen dabei behilflich zu sein, auf der Bühne wirklich das auszudrücken, was sie ausdrücken möchten. Beeindruckend ist es auch immer wieder zu sehen, wie sich Musiker und Sänger entwickeln, wenn sie ihre Blockaden aufgelöst haben. Besonders aufregend ist es natürlich zu beobachten wie Musiker und Sänger immer wieder auf der Bühne oder an anderen Auftrittsorten über sich selbst hinaus wachsen. Es ist einfach schön, wenn Musiker und Sänger, die auf eine Bühne gehen, um andere Menschen mit dem was sie sagen, spielen oder tun zu berühren, dies auch wirklich hinbekommen und wenn alles Leistungsdenken sich verflüchtigt, so dass Musiker und Zuhörer sich wirklich „entrücken” lassen können von der „bezaubernden” Welt der Musik.

Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen im Umgang mit Lampenfieber?

Oh je, ich kenne es, am Cello so aufgeregt gewesen zu sein, dass ich mich wirklich hundeelend und völlig inkompetent gefühlt habe. Auch aus anderen Auftrittskontexten, wie z. B. Vorträgen oder auch nur einfache Vorstellungsrunden kenne ich es, aufgeregt gewesen zu sein. Deshalb war es für mich ganz wichtig alle Techniken, die ich bei Musikern anwende, vorher bei mir selbst auszuprobieren und ihre Wirkpotenz zu testen. Seit einigen Jahren allerdings fühle ich mich nirgendwo so wohl, wie auf der Bühne, wenn ich Workshops oder Vorträge halte. Beim Cello ist mir aufgefallen, dass ich oft faktisch mit dem Vorspielrepertoire überfordert war oder dass ich einen gewissen Perfektionismus hatte, den ich mir aufgrund meines eigentlichen Könnens gar nicht erlauben konnte. Jetzt wo ich mich von meinen überhöhten Ansprüchen verabschiedet habe macht das Spielen viel mehr Spaß. Allerdings komme ich zzt. leider kaum zum Spielen, aber das wird sich hoffentlich bald wieder ändern.

Eine Säule Ihres Coachings ist die „energetische Psychologie”…

Die Angst sitzt im Gefühlshirn, dem limbischen System und da kommt man mit einfachen Umdeutungsversuchen, mit Reden oder mit Verstehen häufig nicht wirklich weiter. Ich empfehle da, sich Techniken anzueignen, mit denen man seine eigenen Ängste im Sinne eines emotionalen Selbstmanagements wirklich effizient reduzieren kann. Am meisten überzeugt hat mich durch die Erfahrung mit Musikern und anderen auftrittsgestressten Menschen die Klopftechnik aus der so genannten Energetischen Psychologie. Der Name ist ein bisschen unpassend, da die Wirkweise dieser Techniken aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wirklich etwas mit Energiebahnen zu tun hat, sonder viel eher eine geschickte Stimulation unseres Gehirns ist, wodurch sich Stress leicht auflösen lässt. Wie man das im Bereich des störenden Lampenfiebers machen kann, habe ich ja in dem Büchlein „Klopfen gegen Lampenfieber”, das bei Rowohlt erschienen ist, beschrieben. Ich bekomme immer wieder Mails von Lesern, die allein durch die konsequente Anwendung der dort beschriebenen Techniken ihren Auftrittsstress deutlich reduzieren konnten.

Brauchen Musiker oder Sänger, die unter Auftrittsängsten leiden eine Therapie?

Die meisten professionellen Musiker und Sänger kennen es, immer mal wieder unter auftrittsbedingtem Stress zu leiden und dann schlechter zu spielen oder zu singen als sie eigentlich können. Die allermeisten Musiker sind bei Probespielen oder Vorsingen stressbedingt (viel) schlechter als sie es eigentlich sind. Wenn die meisten Musiker dies kennen, dann sollte man nicht in erster Linie die Musiker dafür verantwortlich machen, sondern die Kontextbedingungen, in denen der Stress auftritt. Verantwortlich hierfür ist u.a. eine Perfektionismus- und Null-Fehler-Toleranzkultur, die nun mal die meisten Beteiligten unter Stress und Versagensängste setzt. Und natürlich liegt das auch an Ausbildungsdefiziten in puncto emotionalem Selbstmanagement und Selbstcoachingkompetenz.

Da es also ein berufsrollenbezogenes Problem ist, hat Psychotherapie in diesem Feld zunächst einmal überhaupt nichts zu suchen, sondern wenn überhaupt, geht es um Coaching als persönliche berufsrollen- und leistungsbezogene Entwicklungsmaßnahme. Man kann ja nicht einen ganzen Berufsstand für krank erklären, nur weil die Hochschulen es versäumt haben, ihre Absolventen hinsichtlich der psychologischen Herausforderungen, die ein öffentlicher Auftritt, vor allem in Bewertungssituationen, nun mal mit sich bringt, professionell vorzubereiten.
Natürlich kann es sein, dass jemand so lange mit dysfunktionalem Lampenfieber herumläuft, dass man in einem Coaching merkt, dass derjenige sich unter dieser chronischen Belastung geradezu deformiert hat, ja wirklich krank und ggf. sogar arbeitsunfähig geworden ist, dann kann auch eine Psychotherapie sinnvoll sein. Das kommt aus meiner Beobachtung aber nicht so häufig vor, wenn man wirklich wirksame Techniken im Auftritts-Coaching nutzt und wenn die betreffenden ein bisschen Zeit und Neugier investieren, die unterschiedlichen Techniken auch anzuwenden. Wenn jemand unbedingt Psychotherapie machen möchte, dann sollte er unbedingt zu jemandem gehen, der sich auch mit den modernen lösungsorientierten Methoden auskennt.

Welche Rolle spielen denn aus Ihrer Sicht die Musikhochschulen?

Die Hochschulen haben da leider völlig versagt. Das Wissen um Bestleistungsförderung bei Wettkämpfen ist ja im Bereich des Leistungssports seit Jahrzehnten bekannt. Seit vielen Jahren nutzen auch andere Hochleistungsbereiche Coaching, um die guten Leute noch besser zu machen. Die Musikhochschulen hingegen befinden sich bezogen auf die Vermittlung von professionellen Techniken, um Menschen darin zu unterstützen, ihre persönlichen Bestleistungen auch in Extremsituationen zeigen zu können, noch in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Man könnte sagen, die Musikerausbildung ist dort, wo die Medizin war, als es noch keine Narkose gab.
Es muss das wirklich in aller Deutlichkeit gesagt werden: Generationen von Hochschulpräsidenten haben eine extrem wichtige Entwicklung verschlafen und die Musiker, die bei ihren Auftritten, Probespielen und Vorsingen leiden, zahlen dafür die Zeche.

Es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, wie man als Hochschule seine gut ausgebildeten und begabten Studentinnen und Studenten ohne jegliche professionelle Vorbereitung in pucto mentale Auftrittskompetenz, Imaginationsfähigkeit, emotionales Selbstmanagement und psychologische Bestleistungsoptimierung in Prüfungen, zu Wettkämpfen und in Probespiele und Vorsingen schicken kann. Natürlich ist mir auch klar, dass es an einigen Hochschulen seit ein paar Jahren zarte Pflänzchen in Form von Probespielsimulationen, Mentalem Training und Auftritts-Coching gibt. Solche meist sehr knapp besetzten Lehraufträge oder Gastworkshops können angesichts der Wichtigkeit dieses Themas allerdings nur als ein Tropfen auf den heißen Stein darstellen.

Es hat den Anschein, als sei es den Hochschulen nicht wirklich wichtig, dass möglichst viele ihrer Absolventinnen und Absolventen gute Stellen bekommen oder Wettbewerbe gewinnen. Es scheint ihnen auch nicht wichtig zu sein, Werkzeuge zu vermitteln, die es den jungen Musikerinnen und Musikern ermöglichen, auch nachhaltig und viele Jahre lang ihren Beruf gesund und mit Freude zu genießen. Mit humanistischer Bildung hat das, was zurzeit noch läuft übrigens herzlich wenig zu tun.

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5 Kommentare bis jetzt↓

  • Sabine Fichner

    Es wäre wünschenswert, wenn das Thema Auftrittsangst und ihre Bewältigung endlich Einzug und mehr Beachtung in der klassischen Musikausbildung fände! Soviel Spielfreude und Fähigkeiten gehen durch die Angstblockaden verloren. Mir hat das Buch von Green/Gallwey Inner game “Musik”- der Mozart in uns weitergeholfen.

    Sabine Fichner

  • admin

    In der Tat. Ich habe selber Musik studiert und kenne das Problem ganz gut. Ich hoffe, wir haben hier eine kleine Diskussion angestoßen.

  • Paul Müller

    Nach meiner Erfahrung mit Misikstudenten sind sie sehr interessiert an konkreten Hilfestellungen im Bereich Lampenfieber. Das Klopfbuch ist hierzu eine gute Anleitung, sowohl für das Selbststudium, wie auch als Handbuch für den Coach.

  • kulturblogger

    Was man in diesem Zusammenhang nicht vergessen sollte ist, dass es auch in der Musikbranche ein ausgewachsenes Dopingproblem von erschreckendem Ausmaß gibt.

  • Peter Lüthi

    Als Schüler von Herrn Dr. Michael Bohne konnte ich in der Anwendung mit Klientinnen und Klienten praktische Erfahrungen mit der von ihm entwickelten Prozessorientierten Energetischen Psychologie PEP sammeln. Es ist in höchstem Masse faszinierend, wie rasch und effizient es möglich ist, mit PEP-Musikcoaching Lampenfieber zu beheben. Mit diesen Techniken gelingt es, rasch und gezielt genau die Themen und Blockaden aufzuspüren, die hinter Auftrittsangst stehen. Spannend ist dabei, dass diese Art Angst von Musikerinnen und Musikern ganz spezifische Elemente beinhaltet, die sich von Person zu Person gar nicht so sehr unterscheiden. Meine eigene Erfahrung als Pianist und früherer Klavierlehrer (ich hatte damals auch mit Auftrittsängsten zu kämpfen) helfen mir sehr, in diesem Bereich einfühlsam helfen zu können. In der Prozessorientierten Energetischen Psychologie PEP von Herrn Dr. Bohne stehen dem Coach wertvolle Wege zur Verfügung, die echt einzigartig sind. In der gut verständlichen Literatur kann man die wesentlichen “Techniken” selber erlernen, mit deren Hilfe Auftritte viel besser gelingen können. Dennoch kann es wertvoll sein, wenn man sich von einem erfahrenen Coach, wie Michael Bohne einer ist, unterstützen lässt, denn es ist nicht unwesentlich, wenn ein Aussenstehender, der die Themen Angst, Musik, Coaching optimal miteinander vereinen kann, gewissermassen als Partner im Kampf gegen die Auftrittsangst mithelfen kann, sich vom emotionalen Stress zu befreien.
    Ich kann die Prozessorientierte Energetische Psychologie von Herrn Bohne wärmstens empfehlen. Gegenüber anderen Techniken bietet sie unschätzbare Vorteile, was ich aus eigener Erfahrung als Coach, Psychotherapeut und Musiker bestätigen kann.

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