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Manager als Maestro

21. April 2009 von Johannes Baumann · Keine Kommentare · Kultur im Netz

Das “Führungskräfte-Seminar - Manager dirigieren ein Symphonieorchester” des RIAS Jugendorchesters.

rjoSchon vor der aktuellen Finanzkrise fielen Fördergelder nicht vom Himmel. Grund genug für das seit 2005 unsubventionierte RIAS Jugendorchester, sich seine Gedanken zu machen. Abhilfe soll eine Idee aus den USA schaffen, die das RIAS Jugendorchester aufgegriffen und weiterentwickelt hat: Dirigierkurse für Manager als Seminare für nonverbale Kommunikation, öffentliches Auftreten und das Führen einer Gruppe.

Die Parallelen zwischen einem Wirtschaftsunternehmen und einem Symphonieorchester liegen auf der Hand: unter­schied­liche, hierarchisch strukturierte Abteilungen und Teams von hoch qualifizierten Spezialisten, deren Arbeitsergebnisse erst im Zusammenhang ihre Wirkung entfalten; das Spannungsfeld zwischen Idealismus und technischen und wirtschaftlichen Vorgaben und Notwendigkeiten; gruppendynamische Prozesse und persönliche Differenzen; der Druck der Konkurrenz und die Unwägbarkeiten des Marktes. Der Erfolg einer Strategie wird nicht allein über korrekte technische Daten entschieden. Genau so wichtig ist es, die Begeisterung, die Kreativität seiner Mitarbeiter zu mobilisieren, sie in einen Prozess einzubinden, der nicht allein über verbale Vorgaben zu steuern ist. Entscheidend ist die Vorgabe an die Mitarbeiter im Subtext: in der Körpersprache, in der Ausstrahlung, zusammengefasst: in der authentischen und zielgerichteten nonverbalen Kommunikation.

Es darf – in der Wirtschaft wie auch in der Kunstform Musik – die emotionale Beteiligung nicht größer sein als die intellektuelle Übersicht.

Symphonie économique

Teilnehmer brauchen keine musikalische Erfahrung mitzubringen, angesprochen fühlen kann sich jeder, der in irgendeiner Form eine leitende Funktion ausübt und eine Affinität zu klassischer Musik hat. Auf dem Programm stehen Ohrwürmer, die in keiner Best-of-Klassik-Sammlung fehlen: Carmen-Ouvertüre, 5. Ungarischer Tanz, Morgenstimmung, Ausschnitte aus bekannten Sinfonien und ähnliches. Die Vorbereitung geht über das Hören von CDs. Die genaue Kenntnis der Abläufe der Zwei- bis Drei-Minuten-Stücke ist die Voraussetzung für die aktive Teilnahme.

Im Seminar erleben sich Führungskräfte großer Unternehmen in einer ebenso gewohnten wie außergewöhnlichen Rolle. Gewohnt, weil das Anleiten und Führen von Mitarbeitern zu den täglichen Aufgaben gehört. Außergewöhnlich, weil die Führungskräfte vor dem Orchester inhaltliches Neuland betreten und die Kommunikation ausschließlich auf nonverbalen Signalen und kontrollierter Emotion basiert. Ein verbaler Hinweis auf die gewünschte Leidenschaftlichkeit der Musik verfängt nicht, wenn das Dirigat steril und emotionslos daher kommt: das Orchester als unbestechlicher Spiegel körpersprachlicher Signale.

Der Kursleiter Rainer Seegers, Solo-Pauker der Berliner Philharmoniker und Hochschullehrer in Berlin und Zürich, weist die Teilnehmer denn auch insbesondere auf widersprüchliche Zeichengebung hin: da wird eine weit geschwungene, sanfte Melodielinie durch kantige Bewegungen klein gehackt oder ein stehender Klang mit großer Geste über-organisiert. Andere Hinweise sind eher handwerklicher Natur (deshalb aber nicht weniger transferfähig): da wird den Bläsern nicht ausreichend Zeit zum Einatmen gegeben, da werden Solisten nicht mit Blicken begleitet oder Forderungen an Instrumente gestellt, die diese schon physikalisch nicht erfüllen können.

Jedes Instrument braucht eine andere Ansprache und meine Mitarbeiter benötigen auch unterschiedliche Ansprachen, so ein Teilnehmer.

Für die Führungskräfte aus der Wirtschaft bedeutet die Möglichkeit, die eigene Kreativität im Rahmen einer Begegnung mit der Hochkultur-Institution Orchester zu entwickeln, eine wertvolle und prägende Erfahrung.

Wird hier ein Orchester ‚verheizt’? Um eines Freizeitspaß’ an Menschen hergegeben, die sich ohnehin alles leisten könnten? Mitnichten. Grundlegend ist für das RIAS Jugendorchester die Erfahrung, dass bislang alle Seminarteilnehmer mit einer großen Portion Respekt, ja Ehrfurcht vor das Orchester traten. ‚Führen’ heißt nicht ‚Herrschen’ und wo Manager oder Dirigent kein Miteinander anführen sind grundsätzlich Zweifel angebracht. Manager-Selbstdarsteller, die unter dem Motto „Ich kann alles, also auch dirigieren” auftreten, sind Fehlanzeige und hätten beim Orchester auch keine Chance. Die Haltung der Orchestermusiker ist geprägt von Freundlichkeit, Entgegenkommen und Nachsicht – soweit dies den Seminar-Inhalten nicht widerspricht. Zudem schult die Arbeit mit den Dirigier-Novizen die Flexibilität und Eigenverantwortung der Musiker. Was an technischer Vorgabe nicht von vorne kommt, muss das Orchester auffangen, um Störungen im Ablauf zu verhindern.

Das RIAS Jugendorchester wurde 1948 gegründet und ist das älteste deutsche Orchester seiner Art. Es versammelt Musikstudierende aller deutschen und zahlreicher europäischen Musikhochschulen für drei bis fünf Produktionen pro Jahr in Berlin. Eine besondere Orchesterfreundschaft pflegt es zum Young Israel Philharmonic Orchestra. Im RIAS Jugendorchester erfahren die angehenden Profis mehr als das gängige sinfonische Repertoire und den Ausflügen in Barock und Moderne. Opernproduktionen bilden einen wichtigen Teil der Arbeit des Orchesters ebenso wie Kammermusik, gelegentliche Filmmusikaufnahmen und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen aus Berliner Schulen. Die Führungskräfte-Seminare stellen eine kreative und innovative Initiative des Orchesters dar, sich in einem schwieriger werdenden finanziellen Umfeld selbst zu helfen und zugleich neue Impulse zu setzen.

Die Parallelen zwischen einem Wirtschaftsunternehmen und einem Symphonieorchester liegen auf der Hand: unter­schied­liche, hierarchisch strukturierte Abteilungen und Teams von hoch qualifizierten Spezialisten, deren Arbeitsergebnisse erst im Zusammenhang ihre Wirkung entfalten; das Spannungsfeld zwischen Idealismus und technischen und wirtschaftlichen Vorgaben und Notwendigkeiten; gruppendynamische Prozesse und persönliche Differenzen; der Druck der Konkurrenz und die Unwägbarkeiten des Marktes. Der Erfolg einer Strategie wird nicht allein über korrekte technische Daten entschieden. Genau so wichtig ist es, die Begeisterung, die Kreativität seiner Mitarbeiter zu mobilisieren, sie in einen Prozess einzubinden, der nicht allein über verbale Vorgaben zu steuern ist. Entscheidend ist die Vorgabe an die Mitarbeiter im Subtext: in der Körpersprache, in der Ausstrahlung, zusammengefasst: in der authentischen und zielgerichteten nonverbalen Kommunikation.

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