Ob klassische Musik tatsächlich reich macht – nun, zumindest finanziell gesehen halte ich das für schwierig, für alle anderen Zuschreibungen, also ‘jung, klug und gesund’ gibt es aber wissenschaftliche Fürstreiter.
So behauptet bespielsweise Dr. Michael F. Roizen, der “chief wellness officer of the Wellness Institute at the Cleveland Clinic”, dass “‘Listening to finer music and attending concerts on a consistent basis makes your real age about four years younger’” (Zitat: NY Times). Und Vera Brandes ist in Salzburg sogar dabei, eine spezielle Produktlinie zu entwickeln, in der Musik als Therapie eingesetzt wird.
Klassische Musik macht gesund
“I am the first musical pharmacologist,” sagte Brandes letzten Herbst bei einem Kongress in Wien. Und wir haben es hier nicht mit einer Schamanin zu tun, sondern mit einer Naturwissenschaftlerin, die bereits seit 2004 das Forschungsprogramm MusikMedizin an der Paracelsus Privatmedizinische Universität Salzburg leitet. In dieser Funktion entwickelt sie mit der von ihr gegründeten Firma Sanoson eine Produktlinie, in der Musik als Medikament verabreicht wird. “We are preparing for the launch of our therapies in Germany and Austria in the fall of 2009,” she said, “and are anticipating the U.S. launch in 2010.” (Zitat: NY Times)
Wie funktioniert das?
In erster Linie soll Musik bei sogenannten ‘Zivilisationskrankheiten’ zum Einsatz kommen wie Angstattacken oder Depressionen. Dazu wird Musik analysiert und ihre aktiven Wirkmittel rausgefiltert und zusammengestellt für den therapeutischen Einsatz – soweit mein Verständnis des NY Times Artikels. Es gibt eine Pilotstudie, die Behandlung soll 30 Minuten am Tag betragen, fünf Tage die Woche, vier Wochen am Stück, um die psychosomatischen Ursachen von Beschwerden zu erreichen und nicht mit Beta-Blockern zu unterdrücken.
Vera Brandes kam auf diese Therapie als sie selbst mit zwei gebrochenen Wirbeln im Krankenhaus lag, und die Ärzte von einem Wunder sprachen, als ihre Wirbelsäule nach nur zwei Wochen wieder komplett verheilt war. Neben ihr lag ein Buddhist, der täglich von Freunden besucht wurde, die ihm -und damit auch ihr- vorsangen.
Auch Alex Doman bloggt über diesen Artikel auf The Brain Understanding Itself. Wie der Name schon sagt, kommt er aus der Gehirnforschung und ist der felsenfesten Überzeugung, dass Musik positive Auswirkungen hat. So schreibt er auch auf Soundswell, einem Blog zum HATSS Projekt, also Lebensverbesserung durch Musik. Auch Stefan Koelsch, Forscher in Brighton, ist der felsenfesten Überzeugung, dass Psychologen in der Zukunft fragen werden: Musik oder Prozac …
… macht klüger?
Der im Artikel angesprochene Mozart-Effekt geht auf den Physiker Gordon Shaw und die Psychologin Frances Rauscher zurück. Das räumliche Vorstellungsvermögen verbessert sich angeblich durch das Hören klassischer Musik, insbesondere der Musik von Wolfgang Amadeus Mozart. Zu diesem, inzwischen umstrittenen Ergebnis kamen sie in ihrer Studie aus dem Jahre 1993, in der Probanden, die Mozarts Klaviersonate in D-Dur, KV448, hörten, deutlich bessere Ergebnisse bei einem IQ-Test aufwiesen, als diejenigen, die einfach nur so teilnahmen. Populärwissenschaftlich wurde dies vor allem von Don G. Campbell ausgeschlachtet, der glaubt, dass Kinder allgemein intelligenter würden, wenn sie Mozart hörten – eine immer noch weit verbreitete Ansicht und wer weiß …
Und wer selbst ausprobieren möchte (nicht wissenschaftlich abgesichert), wie das mit der Wirkung von Musik ist, dem sei das interaktive Radio sourceton.com empfohlen. Die NY Times bezeichnet es als musikalische Jukebox: man hat eine Drehscheibe, auf der man die gewünschte Gefühlslage anklicken kann und dann Musik dazu abgespielt bekommt – viel Vergnügen!

Klassische Musik macht gesund – das sagt selbst Dr. Roizen nicht, sondern er sagt “Konzertbesuch” – ich melde mich deshalb, weil es ein Irrtum wäre, klassischer europäischer Musik Effekte zuzuschreiben, die in der ganzen Musik gefunden werden können. Wie ernsthaft man weltweit zu diesem Thema forscht, kann in der ansteigenden Zahl der Studien sehen, wie sie seit 1975 in PubMed aufgeführt sind.
Dass Musik heilen kann, ist Kulturgut vieler Kulturen. Um sie heute in diesem Sinn in der Medizin einzusetzen, muss ihre Anwendung auch medizinische Nachweise erbringen. Das kann medizinische Empirie sein, das kann Kriterien der evidence based medicine folgen. Und dass es möglich ist, zeigen nicht zuletzt die Arbeiten von Vera Brandes, die eine umfangreiche Studie zur Depressionsbehandlung mit einer Audio-Kur vorgelegt hat und dort auf Ergebnisse verweisen kann, die hervorragend sind. Und dies nebenwirkungsfrei und nachhaltig. – Eine ganz andere Sache ist der Gebrauch sog. Emotionsmusik, die Hörer mit Knopfdruck und Auswahlskriterien definieren können und dann kommt wie bei AMAZON ein Mustererkennungsalgorithmus und sucht viele andere Titel gleicher Strickart. Und eine dritte Sache ist die Gebrauchsmusik für Einkaufsläden etc. in der es Erfahrung z.B. ist, bei klassischer Musik werden teuerere Weinsorten gekauft. Soweit zur klassischen Musik. Aber auch die kann man natürlich ersthaft testen! Hier kann Alex Doman mit seinem ABT -Programm auf solide Ergbebnisse im pädagogischen Bereich, auf viele Falldokumentationen zurückgreifen. Aber nur “einfach klassisch” ist da auch nicht, da liegen ganz alte Überlegungen von A. Tomatis zugrunde, der noch keinen fMRI Studien machen konnte und dennoch eine Menge über das Gehirn aus Beobachtung wusste. Insgesamt ist die Forschung hier ein sehr spannendes Gebiet und hat viel mit dem zu tun, was wir aus der Immunbiologie, der Bewußtseinsforschung und aus der Kunst wissen. Wen mehr interessiert: Kongress Mozart&Science vom 4.-6.November 2010 in Krems, Niederöstterreich. Informationen über ab Februar 2010.